<h2><div align="center">Sonna's Storyarchiv</div></h2>
Nichts ist umsonst
Ich blicke mit starren Augen einfach nur geradeaus. Fixiere diesen einen Punkt und sehe doch nichts.
Wie lange ich dies schon tue?
Nun, das wüsste ich selber gerne.
Ehrlich.
Aber ich weiß es nicht.
Wie lange ist es jetzt her, dass ich mich hier befinde? Hier, in diesem riesigen Kellergewölbe, einem Kerker gleich. Nur kalter, harter Stein und tote Eisengitter. Stumme Beobachter.
Minuten?
Dafür kenne ich diesen Punkt, den ich mit meinem Blick fixiere, schon zu gut. Warum ich ihn fixiere? Weil es hier nichts anderes zu tun gibt. Ich starre einfach vor mich hin, durch die Eisengitter hindurch. Lasse meine Gedanken schweifen.
Stunden?
Ich muss mich gar nicht nach meinen Mitgefangenen umsehen um zu wissen, dass ihr Blick genauso leer und glanzlos ist wie meiner. Sie blicken auch nur geradeaus, starren das an, was sich vor ihnen befindet.
Ein Stück Mauer.
Einen Eisenstab.
Einen Mitgefangenen.
Tage?
Tageslicht gibt es hier unten nicht. Wie beobachten und starren nur im roten, flackernden Fackelschein. Diejenigen, die die Fackeln draußen auf dem Gang anstarrten, wenn man ihnen nur kurz in die Augen schaut, sieht es aus, als ob sie noch etwas Leben in sich tragen würden.
Aber das ist alles Illusion.
Hier unten lebt schon lange keiner mehr richtig.
Wochen?
Schatten huschen zwischen uns hindurch. Quieken, berühren uns mit ihren Schnurbarthaaren, ihren kalten, felllosen Schwänzen. Kein Blick bewegt sich, kein Augenpaar huscht zu unseren tierischen Gesellen. Sie sind nichts Neues. Keiner bewegt sich, keiner stört sich daran, wenn die Ratten an einem vorbeihuschen.
Monate?
Anfangs schreckten die neuen Gefangenen immer auf, kreischten und schrieen, wenn sie unserer kleinen Gäste gewahr wurden. Versuchten sich mit Händen und Füßen gegen deren Berührungen zu wehren.
Doch schon sehr bald machen sie es uns nach. Verhalten sich still. Und wenn die Ratten dann nah genug an einem heran sind, werden sie mit einem schnellen Griff gefangen und ein paar Mal kräftig gegen die Wand geschlagen.
Sehr viel zu Essen geben uns unsere Wärter wirklich nicht.
Jahre?
Wie sieht Gras aus?
Welche Farbe hat der Himmel?
Wie schmeckt frisches Wasser?
Wie fühlt sich ein voller Magen an?
Wie fühlt sich die Sonne auf der Haut an?
Kaum einer von uns weiß auf diese Fragen noch eine Antwort.
Was würden wir nicht alles dafür geben, Antworten darauf zu besitzen.
Antworten, deren Erlangung einen Preis hatte.
Doch bezahlt hatten wir alle wahrlich schon genug.
Bezahlt für das, was wir taten.
Im Namen unseres Königs sind wir in den Krieg gezogen. Ein Stück Land, mehr eine Wüste, die genau zwischen unserem Reich und dem Nachbarreich lag. Jeder Herrscher hatte behauptet, die Wüste würde zu seinem Reich gehören.
Keiner hatte nachgeben wollen.
Und so ...
Ein Krieg war die unausweichliche Folge gewesen.


Zwei riesige Armeen hatten sich gegenüber gestanden. Die jungen, kräftigen Burschen hatten sich von ihrer Vaterlandsliebe hinreißen lassen. Ihr Heim verlassen, ihre Familien. Nun standen sie hier. Mit Schwertern in den Händen, Waffen, die sie noch nie benutzt hatten. Ihnen gegenüber ihre Feinde.
Dieser Kampf hatte endlos gedauert, so schien es uns. Einer nach dem anderen fiel. Kamerad. Feind. Überall Blut, Schreie, Tote und Verwundete.
Bis es der anderen Seite gelang zu siegen.
Die Sieger hatten uns nicht an Ort und Stelle getötet. Sie hatten uns mitgenommen, ausgehungert, verhöhnt, verprügelt. Halbtot in dieses Gefängnis gesteckt, in dem wir sterben sollen.
Ich war einer der ersten, die hier gelandet sind. Zusammen mit den anderen Menschen in meiner Zelle. Etwa ein Dutzend waren wir. Hatten versucht uns vor dem Feind in Sicherheit zu bringen, zurück in die Sicherheit unseres Landes zu kommen. Doch wir waren aufgegriffen worden.
Schritte hallen von den Wänden wider. Laut dröhnen sie in der fast gespenstischen Stille hier unten.
Keiner rührt sich. Keiner scheint die Schritte zu hören.
Abgestumpft.
Innerlich gestorben.
So sieht es aus.
Eisen klirrt, als Schüsseln mit Wasser und Brei durch die Gitterstäbe geschoben werden.
„Hier, lasst es euch schmecken“ ist eine hämische Stimme zu hören. Der Wärter blickt mit abschätzigem Blick uns Gefangene an. Wie wir da so hocken, in unseren zerlumpten Kleidern, den dreckigen Gesichtern und verfilzten Haaren.
Je weiter sich die Wärter wieder entfernen, dem Tageslicht entgegen gehen und dem Elend hier unten den Rücken kehren, desto leiser werden ihre Schritte.
Nicht lange und es herrscht wieder Ruhe.
Die Schüsseln werden herumgereicht. Jeder trinkt einen Schluck und würgt etwas von dem Brei herunter. Selbst wenn nur einer diese Ration bekommen würde, würde er nicht überleben.
Als mich die Schüsseln erreichen, löse ich meinen Blick von der Wand gegenüber. Sehe mich kurz in der Runde um. Überall sind die stumpfen, leblosen Blicke gewichen. Haben dem bisschen Leben und Kampfeswillen Platz gemacht, den sich ein jeder bewahren konnte.
Das Wasser sieht genauso brackig aus wie es schmeckt und der Brei ist mal wieder ein undefinierbares, ungenießbares Zusammengepansche von Essensresten.
Doch ich würge es hinunter. Was bleibt mir auch anderes übrig, wollte ich nicht in den nächsten Tagen sterben.
Nein, in dieser Hinsicht waren wir uns alle einig. Wir hatten vielleicht den Krieg verloren – das stand außer Frage.
Wir hatten aus unseren Fehlern gelernt. Nie wieder würde einer von uns blindlings einem Herrscher folgen. Seinen Worten ohne Bedenken trauen. ‚Diesen Krieg werden wir so leicht gewinnen, dass keiner von euch auch nur merken wird, das Krieg ist.’ ‚Unsere Feinde sind nichts als verweichtliche Memmen.’
Dies und ähnliches hatten wir zu hören bekommen.
Jetzt sind wir schlauer.
Diese Lektion haben wir gelernt.
Doch um welchen Preis?
Zu Anfang wollten wir hier einfach nur raus. Weg von dieser Dunkelheit, die einen in den Wahnsinn trieb. Wollten keinen Hunger und Durst mehr spüren, die in den Eingeweiden rumorten. Keine Kälte, die einem bis auf die Knochen drang. Keinen Schmerz, der einen verrückt machte.
Alles war uns recht.
Alles.
Sogar sterben.
Nur raus hier!
Mein Blick gleitet wieder zu der Mauer gegenüber. Rechts und links sind die Gitterstäbe der nächsten Zellen auszumachen. Doch ich starre nicht in diese hinein. Was gibt es dort auch schon anderes zu sehen als hier in meiner eigenen Zelle?
Menschen, die halb verhungert waren. Dem Wahnsinn nahe.
Und doch nicht aufgaben.
Dort in dieser Mauer, dort befindet sich etwas, was mich vom ersten Tag an in den Bann gezogen hat. Immer und immer wieder habe ich diesen Satz vor mich hingemurmelt. Unbemerkt. Leise. Wie hypnotisiert. Ich weiß nicht, wer es war, der diese Inschrift dort angebracht hat. Die Wärter, aus einer üblen Laune heraus? Oder jemand ganz anderes, dem diese Gewölbe vorher gehört hatten?
Ich weiß es nicht und es ist mir ehrlich gesagt auch egal.
Wichtig ist einzig und allein, dass diese Inschrift es ist, die mir und meinen Kameraden die Kraft gibt, nicht aufzugeben. Die Kraft gibt, dem Drang nach dem Tod zu widerstehen.
Wir wollen nach Hause.
Doch der Preis dieses Weges ist zu hoch.
Den Krieg haben wir verloren, das Gebiet, was unser König unbedingt hatte haben wollen, war verloren. Aber unsere Heimat nicht. Und dorthin wollten wir zurück. Ein jedem von uns ist klar: das mussten wir aus eigener Kraft schaffen. Unser Herrscher würde keinen Finger rühren, um uns zu befreien.
Keiner von uns war gewillt aufzugeben.
Wie viele sind wir hier unten? Hundert? Zweihundert? Noch mehr?
Gezählt haben wir nie.
Zu Anfang sind jeden Tag welche dazugekommen. Unsere Gegner mussten das Gebiet rund um den Kampfschauplatz sehr gründlich abgesucht haben. Ab und an starb mal einer. An seinen Verletzungen, am Hunger. Die wenigsten gaben von sich aus auf.
Flüsternd war es durch die Reihen gegangen.
‚Nicht aufgeben.’
‚Dem Feind diese Freude nicht machen.’
‚Durchhalten, egal wie.’
‚Wir wollen zurück in unsere Heimat, zu unseren Familien.’
Wer damit angefangen hatte?
Ich weiß es nicht.
Ich bin mir nicht mal sicher, dass derjenige es selber weiß.
Ein gesprochenes Wort, unbedacht, aufgeschnappt von anderen, weitergegeben. Flüsternd, murmelnd. Zu der Zeit, als hier unten noch geredet wurde.
Diese Inschrift ...
Sie gibt uns Kraft. Sie entspricht genau dem, was wir fühlen.
Wir wollen hier raus. Raus aus diesem Grab aus Stein, Eisen und Dunkelheit. Es muss einen Weg geben. Einen Weg hier raus.
Einen Weg, dessen Preis wir zu zahlen bereit waren.
Ein leises Klirren holt mich aus meinen Gedanken. Die Schüsseln haben ihren Weg beendet und stehen nun wieder vor dem Eisengitter.
Wann würden die Wärter wohl wiederkommen, um sie abzuholen?
Das weiß man nie.
Meine Gedanken schweifen wieder ab.
Wir müssen durchhalten. Auch wenn unser Herrscher uns hier nicht rausholen wird, ewig wird auch er nicht an der Macht bleiben. Unsere Familien zuhause müssen Druck machen. Den Herrscher dazu zwingen, etwas zu unternehmen. Selber etwas unternehmen.
Darauf hoffen wir.
Denn alleine werden wir hier nie rauskommen.
Dazu sind die Mauern zu dick, das Eisen zu hart. Nichts, was man als Werkzeug benutzen konnte, hier unten. Ins Freie werden wir nie geführt, also auch keine Möglichkeit zu fliehen.
Einzig und allein durchhalten können wir.
Der eiserne Wille, lebend dieses Grab zu verlassen. Unsere Familien wieder zu sehen.
Wieder Gras unter den Füßen zu spüren.
Den Himmel zu beobachten.
Frisches Wasser trinken.
Sich mit leckerem Essen den Magen voll schlagen.
Auf freiem Feld stehen und die Sonne auf einen scheinen lassen.
Das wollen wir.
Dafür müssen wir durchhalten.
Mein Blick huscht wieder zu der Mauer.
‚Nichts ist umsonst.’
Wie recht dieser jemand doch hat.
Viel fehlte nicht und ich hätte angefangen zu lachen. Es wäre zwar nur ein trockenes, heiseres Lachen geworden, dennoch ...
Eine Wahrheit, so voller Ironie.
Wir haben für das blinde Vertrauen in unseren Herrscher bezahlt.
Von nun an werden wir uns hüten, etwas zu tun, von dem wir den Preis nicht wissen. Alles hatte Konsequenzen, alles seinen Preis.
Keiner ist mehr gewillt, jeden Preis für seine Heimkehr zu bezahlen.
Ja, es gibt einen einfachen und leichten Weg, hier herauszukommen.

Der Tod.
Sterben wir, so kommen wir hier raus.
Sterben. Ein kleines Wort. So einfach. Und doch ...
Wir würden nur diesem Grab hier entfliehen, um in einem weiteren zu landen. Aber ein Grab ist der letzte Ort, an den wir wollen. Wir wollen heimkehren, nach Hause! 
Mein Blick huscht wieder zu dem einen Stein in der Mauer zurück. Ein Lächeln umspielt meine Lippen. Nur kurz sichtbar, traurig, schmerzvoll, ironisch.
Nein, nur um hier rauszukommen – diesen Preis wollen wir nicht bezahlen. Wir wollen unsere Familien wieder in den Arm nehmen, mit ihnen lachen, feiern, leben.
Wir wollen nicht als Tote hier enden!
Wir wollen als Menschen nach Hause!
Lebend!
Und darum werden wir durchhalten!
Nichts ist umsonst. Noch nicht einmal der Tod: Er kostet das Leben!
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